Gerhard Appelshäuser
 


Nachtzug nach Hamburg

Laut Fahrplan sollte der Nachtzug um 22:14 Uhr abfahren. Früher war bei der Bahn eine Abfahrtzeit ein fixes Datum, auf das du dich verlassen konntest. Keine Minute früher aber auch keine später. Heute ist das anders. Die Eisenbahnverwaltung betrachtet eine Verspätungsrate von vierzig Prozent schon als eine Qualitätsverbesserung. Daran musste ich denken, als ich im Taxi im Stau stand. Es war ein unerwarteter Stau. Keine Rushhour, kein Sonntagsrückflutverkehr, nein ein ganz normaler Wochentag, an dem die meisten Leute um diese Zeit schon zu Hause sind. Noch war ich nicht nervös. Es war mehr als eine halbe Stunde Zeit und der Bahnhof lag zehn Minuten von hier entfernt. Der Taxler versuchte mich zu beruhigen: „Nix Problem mit Zug. Schaffen leicht. Zentrale nix weiß, warum Stau.“ Dabei war ich noch gar nicht beunruhigt. Nach weiteren zehn Minuten und nachdem einige Rettungswagen mit Blaulicht und Signalhorn an uns vorbeigefahren waren, beschloss ich, den Rest der Strecke zu Fuß zurückzulegen. Nach meinen Berechnungen müsste ich das noch immer „in time“ schaffen.

Der Taxler war nicht begeistert und meinte, wir würden es garantiert schaffen, aber das war mir zu unsicher. Natürlich er verdiente sein Geld auch im Stehen. Ich gab ihm ein ordentliches Trinkgeld, was ihn dazu veranlasste, auszusteigen und mir meinen Koffer aus dem Kofferraum herauszuheben. Er stellte mein Gepäck auf den Bürgersteig und mit einem „Sie nix vergessen in Taxi?“ klemmte er sich wieder hinter sein Lenkrad. Ich rannte los, den Koffer im Schlepptau. Seine Räder, die für ein solches Tempo nicht konstruiert worden waren, hüpften über die Platten des Gehsteigs. Es war 22:10 Uhr, als ich den Bahnhof keuchend erreichte. Ohne mich lange zu orientieren, hastete ich auf den Bahnsteig Nummer 10, von wo laut Fahrplan der Nachtexpress starten sollte. Aber am Bahnsteig 10 stand kein Zug. Verdammt, war er schon weg? Zwei Minuten zu früh? Ich sah mich um. Kein Mensch war zu sehen. Also zurück in die Bahnhofshalle und eine elektronische Anzeigetafel gesucht. Dauerte wieder mindestens eine Minute. Tatsächlich stand dort: „Nachtzug nach Hamburg heute ausnahmsweise von Gleis 2.“ Koffer gegriffen und im Galopp zurück auf Gleis 2. Inzwischen war es 22:16 Uhr auf der Bahnhofsuhr, die ich mehr zufällig als bewusst sah.

Als ich den Ausgang zum Gleis 2 erreichte, fiel mir ein Stein vom Herzen. In zwanzig Meter Entfernung grinsten mich die roten Schlusslichter des Zugs an. Der Bahnbeamte mit der grünen Kelle war der einzige Mensch, außer mir, der noch auf dem Bahnsteig zu sehen war. Er war gerade im Begriff, die Kelle für die Abfahrt des Zuges zu heben, als ich so laut es meine Kurzatmigkeit zuließ „Halt“ brüllte: „Ich muss noch mit.“

Er verzögerte die Aufwärtsbewegung, dreht sich um, hielt die Kelle auf halbem Weg und nickte. Freundlicherweise drückte er den Knopf für die schon geschlossene Wagentür des letzten Waggons, die sich mit einem leisen Zischen öffnete. Er nahm mir den Koffer ab, half mir die zwei Stufen hinauf und schob mir den Koffer nach. Ehe ich mich bedanken konnte, schloss sich die Tür und fast im gleichen Moment setzt sich der Zug in Bewegung. Unschlüssig stand ich, meinen Koffer zwischen den Beinen und suchte nach meiner Fahrkarte. Zuerst in allen Taschen meines Mantels und dann in meinem Jackett. Vergebens, sie waren weg. Vielleicht hatte ich sie in den Koffer gepackt? Aber so etwas tat ich gewöhnlich nicht, denn ich wusste ja, ich brauche sie beim Einsteigen. Hatte ich überhaupt meine Brieftasche eingesteckt? Ich war so auf die Fahrkarten fixiert, dass ich beim Suchen meine Brieftasche nicht bemerkte. Also alle Taschen noch einmal von vorne. Aber keine Brieftasche, keine Tickets. Nur meine Geldbörse steckte in meiner Hose, dort, wo sie immer steckt. Verdammt, was mach ich jetzt? In der Brieftasche waren mein Ausweis, mein Führerschein und meine Kredit- bzw. Bankomatkarte. Ich zog meine Geldtasche und stellte fest: 150 Euro und etwas Kleingeld. Damit konnte ich mir keine Fahrkarte bis nach Hamburg kaufen. Fahrscheine und Brieftasche mussten mir aus der Manteltasche gerutscht sein, als ich im Taxi meinen Mantel griff.

Was mach ich jetzt? Ich dachte nach. Soweit ich mich erinnerte, hatte ich das Schlafwagenabteil 8 im Wagen 282 oder war es 284? Wo war der? Ich sah mich um. Der letzte Wagen trug die Nummer 464. Also weiter vorne. Wenn der Zug in aufsteigender Zahlenfolge zusammengestellt wurde, dann sehr weit vorne. Aber so viele Wagen konnte der Zug doch gar nicht haben? War ich vielleicht im falschen Zug? Ich begann zu schwitzen, packte meinen Koffer und ging den Flur entlang nach vorne. Der letzte Wagen war ein unbesetzter Wagen der zweiten Klasse. Die Reservierungstafeln sagten: Das Abteil wird erst ab Kassel belegt, offensichtlich von einer zusammengehörigen Gruppe. Der nächste Wagen trug die Nummer 310. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, wo die Wagen zwischen der Nummer 464 und 310 geblieben waren. Wahrscheinlich waren sie ein Opfer der eigenwilligen Bahnlogik, die sich einem Kunden nicht immer erschloss. Auch bei diesem Wagen handelte es sich um einen Personenwagen der 2. Klasse. Aber einige Plätze waren besetzt. Also fragte ich den ersten Passagier, eine Dame: „Tschuldigung, gnädige Frau, ist das der Nachtzug nach Hamburg?“ Sie musterte mich mit geringschätzigem Blick, so von unten nach oben, und zischte: „Schleich dich, du Penner, und versuch dein Glück bei einer Anderen.“ Sie musste mich missverstanden haben, kein Wunder, ist ja schon halb elf auf die Nacht. Also suchte ich mir jetzt einen Mann als Auskunftsperson aus. Ich fand einen im Waggon. Er sah mich gar nicht an und murmelte: „Keine Ahnung, ich fahr nur bis Linz.“ Am Gang, dort wo die Waggons zusammengekoppelt werden, fand ich ein offizielles Schild: „Zug Nummer 5689 Wien-Passau.“ Sinnig! Aber wenn ich wirklich im falschen Zug saß, bis Passau komme ich in jedem Fall. Also weiter zum nächsten Waggon. Er trug die Nummer 280. Offensichtlich waren die Waggons willkürlich zusammengestellt. Spätestens, wenn ich bei der Lok angelangt sein werde, würde ich wissen, ob dieser verdammte Zug eine Nummer 282 oder 284 hat oder nicht.

Aber im Waggon 280, einem Liegewagen, traf ich einen der Zugbegleiter. Als ich ihm die Frage nach dem Fahrziel des Nachtzugs stellte, sah er mich etwas verwundert an. Ich versuchte zu erklären: „Ich bin wirklich auf den letzten Drücker zuerst am falschen Gleis, nein eigentlich am richtigen, nur heute halt am falschen angekommen und dann zurück gerannt auf das heute richtige, im letzten Wagen eingestiegen, weil der Zug eigentlich schon fahren sollte, und jetzt finde ich meinen Wagen nicht.“ Er sah mich an, musterte mich von oben bis unten, wahrscheinlich hielt er mich für einen blinden Passagier, und dann steckte er mir fordernd die Hand entgegen: „Ihren Fahrschein, bitte!“ Ich suchte ihn in allen Taschen, wissend, dass ich ihn nicht finden würde. Er wurde ungeduldig und seine Finger bewegten sich fordernd auf und ab, so als litte er unter Parkinson. „Tut mir leid, ich muss sie im Taxi verloren haben. Wissen Sie, das Auto stand zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt im Stau. Ich bin ausgestiegen und in aller Eile zum Bahnhof gerannt, um meinen Zug noch zu erwischen.“
„Ich hab schon intelligentere Ansagen von Schwarzfahrern erhalten als Ihre. Den Ausweis, aber plötzlich.“
„Hab ich auch im Taxi verloren!“
„Na, dann werden Sie in St. Pölten aussteigen. Wir sind eh gleich da.“
Jetzt versuchte ich ihm zu erklären, dass ich unbedingt nach Hamburg müsste, dass ich so wohlhabend sei, dass ich es nicht nötig hätte, schwarzzufahren, und dann nannte ich ihm meinen Namen und meine Adresse und endete: „Sie können das alles überprüfen, wenn Sie wollen.“
Er wurde unsicher und meinte: „Naja, wie ein Schwarzfahrer sehen Sie zwar nicht aus, aber das sagt heute auch nichts mehr. Wo, sagten Sie, ist Ihr Abteil?“
Gesagt hatte ich es ihm zwar noch nicht, aber jetzt tat ich es. Er zog sein Handy aus der Tasche und sagte: „Hörst Kollege, ich habe hier einen Gast, der behauptet, er habe das Abteil Nummer 8 bei dir reserviert.“ Nach etlichen Ja ja und einem OK sagte er: „Ich schick ihn dir weiter“. Sichtlich freundlicher sagte er: „Gehen Sie noch drei Wagen weiter nach vorne, mein Kollege erwartet Sie dort.“

Tatsächlich, ein Bediensteter der Schlafwagengesellschaft erwartete mich am Durchgang zum Wagen 282 mit den Worten: „Gott sei Dank, dass Sie den Zug noch erreicht haben.“ Er drückte mir meinen Fahrschein und die Brieftasche in die Hand, während er meinen Koffer aufnahm. Am Weg zum Coupe erklärte er mir: „Ihr Taxifahrer hat Ihre Unterlagen im Wagen gefunden und sie sofort dem Fahrdienstleiter in Wien gebracht, der sie mir übergeben hat. Ihre Unterlagen hatten wir, aber Sie sind uns abgegangen.“

 

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